Mein persönliches Gebet zu einer Macht, so wie ich sie verstehe..
Oh Herr, ich komme heute zu Dir – in Dankbarkeit, in Demut und mit tausenden Fragen im Gepäck. Ich weiß natürlich, dass du nicht nur „Herr“ bist und ganz bestimmt kein männliches Wesen. Doch für heute möchte ich dich so ansprechen. So habe ich es als Kind getan, so fühlt es sich heute richtig an. Ist es dir eigentlich wirklich wichtig, wie man dich nennt?
Herr, geheiligt werde dein Name, gepriesen sei dein Königreich. Dein Wille geschehe – wie im Himmel, so auf Erden.
Und danke, danke für unser tägliches Brot, das du uns so reichlich gibst. Vergib uns, dass wir uns so viel Schuld aufbürden – uns selbst und unserem Nächsten. Vergib uns, dass wir vergessen, dass wir deine Kinder sind, und unsere Gaben und unsere Kraft verschwenden. Vergib uns. Wir sind blinde Passagiere auf einer unbekannten Reise.
Gib uns die Kraft, uns aus all den Ketten zu befreien, in die uns unsere Eltern – in deinem Namen – gelegt haben.
Und doch gibt es Momente, in denen in uns etwas aufblitzt, oh Herr. Momente, in denen deine Liebe und das Licht, das wir durch dich sind, kurz durch die Mauern dringt, die wir um unsere Herzen gebaut haben. Dieses leise Licht, das eine kleine Autobahn zum Herzen eines anderen baut. Dann wird plötzlich alles leicht und wunderschön. Für solche Augenblicke lebe ich, oh Herr – für diese Momente der Liebe und der puren Harmonie. Natürlich weiß ich, dass das Leben nicht nur daraus besteht. Ich weiß, dass wir viel mehr sammeln sollen in unserer emotionalen Bibliothek.
Menschen haben mir beigebracht, dass Liebe in Ketten gelegt werden müsse – weil du es so gewollt hättest. Wie könntest du so etwas wollen? Es ist doch das Gegenteil von dem, wie ich dich verstehe, oh Herr. Bist du nicht der Öffner unserer Herzen, der Ursprung all der Liebe und Schönheit um uns herum? Was hättest du davon, unsere Herzen einzusperren und unsere Lust zu bändigen? Warum schenkst du uns den Orgasmus, wenn wir ihn nicht fühlen sollen? Warum kann eine Frau über die Klitoris einen Höhepunkt erleben, wenn es nur um Fortpflanzung gehen soll?
Herr… das ergibt doch keinen Sinn, oder?
Ist es dir wirklich wichtig, wie ich bete? So viele Menschen behaupten, ich müsse auf ganz bestimmte Art mit dir sprechen, sonst würdest du mich nicht hören. Stimmt das? Was ist dann mit Menschen mit Behinderung? Mit Menschen ohne Bildung? Hörst du sie nicht? Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich stelle mir dich eher so vor, dass du mein Herz fühlst. Mein Herz sendet Wellen – traurige, fröhliche, verzweifelte – und diese Wellen kannst du sehen und verstehen. Der Rest ist menschlicher Bullshit, oder?
Andere sagen, ich müsse eine bestimmte Anzahl von Gebeten sprechen oder mehrfach pro Woche in die Kirche gehen, sonst würdest du mich nicht segnen. Aber wenn es um die Wellen meines Herzens geht, dann ist das doch ein Vollzeit-Job – und nicht eine wöchentliche Vorführung, oder? Muss ich anderen beweisen, dass ich glaube, oder reicht es, dass du mein Herz fühlst?
Manchmal macht es mich traurig, was Menschen aus dir gemacht haben.
Sie machen dich so klein, so menschlich.
Einige sagen sogar, ich müsse regelmäßig meine Sünden beichten. Das finde ich sehr merkwürdig, oh Herr. Du siehst doch jederzeit die Wellen meines Herzens. Warum muss ich dir das dann noch kniend erzählen? Soll ich klein und bedürftig vor dir liegen? Willst du das? Wie strenge Eltern aus den 50ern, mit Zollstock und Hausarrest? So einer wärst du? Das wäre sehr klein – bei allem Respekt. Sorry, dass ich so direkt bin. Aber das kann nicht dein Wille sein. Natürlich machen wir Fehler. Wir haben deine Vollkommenheit nicht geerbt. Aber wer macht Fehler schon absichtlich? Und wer entscheidet überhaupt, was ein Fehler ist? In deiner Unendlichkeit – ist es dir wirklich wichtig, welchen Weg ich wähle?
Wenn alle gläubigen Menschen dieser Erde an ihren Gott glauben und sich ein Bild von einer größeren Macht schaffen, dann landen sie doch am Ende alle bei dir, oh Herr. Es kann doch nur einen Brunnen geben, aus dem wir trinken. Jedes Gefäß, aus dem wir dein Wasser schöpfen, trägt nur die Prägung seiner Kultur. Daraus entstehen Religionen. Aber am Ende trinken wir alle vom gleichen Wasser – Hoffnung, Zuversicht, Liebe und Glaube. Wir stillen unseren Durst an derselben Quelle.
Groß ist der Gott unseres Lebens, der alles durchdringt und alles berührt. Frei wie der Wind, der alles küsst und bedeckt, was ihm begegnet – ohne Unterschied zwischen Stein und Ast, ohne moralische Kategorien von gut und böse. So ist die Liebe der göttlichen Allmacht, aus der wir alle schöpfen. Die Schönheit und Liebe in ihrer reinsten Form.
Du bringst alles in unser Leben – das Gute und Schlechte, das Schöne und Traurige, das Wahre und Unwahre – damit wir lernen zu unterscheiden und weise zu wählen.
Danke für deine Liebe.
Danke für deine Größe.
Danke für deine Klarheit.
Ich bin deine Tochter,
Johanna Pardo.