Danke, dass du dieses Buch in deinen Händen hältst. Neun Jahre hat es gebraucht, bis es seinen Weg zu dir gefunden hat. Unzählige Male war ich kurz davor aufzugeben – und da war dieser Sog, der mich weitergehen ließ, über Täler und Berge, bis es endlich bei dir ankommen durfte.
Vielleicht, weil Teile meiner Geschichte auf die ein oder andere Weise mit dir verbunden sind. Natürlich trägt jeder von uns seine eigenen Nuancen, und doch teilen wir die meisten menschlichen Irrungen und Brüche, oder? Wir wissen, wie weh Liebeskummer tut, wie Verlust schmeckt, wie Verrat im Herzen brennt, wie leer sich Hoffnungslosigkeit anfühlt oder wie Euphorie uns für einen Moment schweben lässt. Sorge, Scham, Schuld, Zweifel, Stolz, Eifersucht – all diese Emotionen sind den meisten von uns vertraut. Sie gehören zu unserem Menschsein. Sie verführen uns zu Handlungen, für die wir uns später feiern oder verurteilen.
Ich empfinde Zuneigung für all die Anteile in uns, die nie richtig sichtbar sein durften, die von unseren Familien und am Ende sogar von uns selbst unterdrückt wurden. Für all das, was kaum Verständnis oder Vergebung fand, was keinen Kanal hatte, um wirklich werden zu dürfen. Um dieses Buch schreiben zu können, musste ich selbst in die tiefsten Keller meiner Seele steigen und die kleinen Schätze bergen, die sich zwischen all den Erfahrungen versteckt hatten. Diese neunjährige Forschungsreise hat mich mehr gelehrt als die 35 Jahre davor. Vielleicht, weil ich vorher vor allem eines tat: überleben. Die Auswirkungen meiner Geschichte erleben. Alles hat seine Zeit, alles seinen Platz.
Mein Gasofen, der mir während des Schreibens Wärme schenkt, brennt, weil ich ihn entzündet habe. Ohne Ursache keine Wirkung: kein Brennen, kein Wärmen. Nichts wirkt ohne Ursprung, oder? Und doch leben wir in einer Welt, die fast nur auf die Wirkung starrt – während die Ursache zu unbequem, zu unscheinbar oder zu leise erscheint. Wie kann Frieden entstehen, wenn wir nicht ehrlich benennen, was eine Situation, ein Gefühl, ein Verhalten oder eine Emotion hervorbringt? Was nicht benannt wird, existiert nicht. Und was nicht existiert, kann nicht verändert werden.
Wenn ich nicht will, dass mein Gasofen weiter brennt, muss ich ihn ausschalten. Ich muss zur Quelle, zum Grund, warum er brennt. Es bringt wenig, mich davor zu setzen und ihm gut zuzureden, oder? Warum aber fällt es uns so schwer, den Ursachen unserer Wut, unseres Zorns, unserer Ohnmacht wirklich auf den Grund zu gehen? Was fürchten wir so sehr an den Kellern unserer Seele? Dass wir wohlmöglich den Staub, den Dreck, die Wahrheit unseres Selbst ans Licht holen? Um das vollständig zu beantworten, bräuchte es wahrscheinlich ein eigenes Buch. Doch eines scheint zentral – und verbindet Religionen, Gesellschaften, Gruppen und Menschen: Wir sind uns ähnlicher, als wir glauben.
Unser tief verwurzeltes Verlangen, gut zu sein. In allen Religionen kämpft das Gute gegen das Böse. Wir müssen beweisen, dass wir gut sind. Die spirituelle Szene spricht von hohen und niedrigen Frequenzen – und natürlich möchte niemand in niedrigen unterwegs sein. Die Gesellschaft definiert den guten Bürger. Und du willst doch kein Querdenker sein, oder? Märchen erzählen vom Kampf zwischen Schneewittchen und der bösen Hexe. Und niemand möchte die Hexe sein.
Wir kämpfen ständig um die Beweislast des Guten. Überall. Immer. So erschaffen wir eine Welt mit (mindestens) zwei Gesichtern: das eine, das wir öffentlich zeigen, und das andere, das wir auf dem Sofa auspacken, wenn die Lichter ausgehen. Auf vielen Ebenen sogar nachvollziehbar, nur dass daraus ein falsches Bild unseres Menschseins entsteht. Wir vergleichen uns mit dem Sichtbaren und übersehen das Unsichtbare. Wir jagen Idealen hinterher, die nicht existieren. Teenager erliegen falschen Schönheitsidealen. Wir Erwachsene falschen Menschheitsidealen.
Vielleicht wirkt meine Geschichte besonders, weil sie in einer für viele unverständlichen Welt entstanden ist. Doch wer genauer hinsieht, erkennt dieses Muster überall.
Ich nehme dich mit in eine Welt, die du vielleicht nur aus Dokumentationen oder von den freundlichen Menschen an deiner Tür kennst: in die Welt der Zeugen Jehovas. Doch mein Anliegen ist nicht anzuklagen. Es ist aufzuklären und die Strukturen sichtbar zu machen, die manipulative Systeme formen.
Egal wie sehr wir an uns arbeiten: Der vollkommene Mensch bleibt eine Metapher. Über Generationen weitergereicht – von Oberhaupt zu Oberhaupt, von Religion zu Religion, von Gruppe zu Gruppe. Jahr für Jahr hat sie in uns das Bestreben verankert, ein guter Mensch zu sein, gemessen an der Gemeinschaft, zu der wir gehören. Perfide daran ist: Genau dieser Wunsch, gut zu sein, ist das perfekte Druckmittel für Kontrolle und Machtmissbrauch.
Darum hat dieses Buch so sehr zu dir gewollt. Nicht, weil meine Geschichte einzigartig wäre, sondern weil sie ein Teil von dir sein kann – der Teil, der bisher keine Stimme hatte. Es war mir deswegen besonders wichtig, dieses Buch so ehrlich, aufrichtig und wahrhaftig zu schreiben, wie es mir möglich war.
Als ich einem Freund mein Manuskript zeigte, fragte er: „Johanna, bist du sicher, dass du dich so verletzlich zeigen willst?“ Meine Antwort war klar: Ja. Ich weiß, dass meine Geschichte ‚nur’ ein Spiegel ist für viele Geschichten, die nicht erzählt werden konnten. Dies ist mein Beitrag zu „Heilung durch Erkennen“ und zu einer wahrhaftigen Welt. Wenn wir unsere Tiefe voreinander verstecken – wie sollen wir dann erkennen, dass wir sie alle in uns tragen?
Die einen werden mich in eine Schublade stecken, die mehr über sie aussagt, als über mich. Die anderen werden dieses Buch als Geschenk erkennen, sich darin wiederfinden und gestärkt weitergehen – weil sie tief in sich spüren: Endlich spricht jemand aus, was auch in mir lebt.
Zu dir wollte dieses Buch.
Danke, dass du hier bist.
Deine Johanna Pardo